Beobachtung in einen Straßencafé, vor ein paar Tagen: Ein junger Mann nimmt am Nachbartisch Platz, greift, nachdem er bestellt hat, in seinen Rucksack und holt ein Buch heraus, das er offenbar erst kürzlich erworben hat, denn es trägt noch einen Preisaufkleber, den der Mann mit einem kräftigen Ruck herunterreißt, so wie man ein Pflaster entfernt, um den Moment des Schmerzes kurz zu halten. Interessiert, nein: ehrfürchtig dreht er das Buch mehrmals – ein dickes Exemplar übrigens –, betrachtet lange Vorder- und Rückseite, blättert dann wahllos in den Seiten, die er einige Male, wie bei einem Daumenkino, durch die Finger rascheln lässt, hält das Buch plötzlich an die Nase, schnuppert in die Seiten hinein, lächelt, legt es dann auf den Tisch, um es, seiner Ungeduld rasch nachgebend, sogleich wieder zu ergreifen, die erste Seite aufzuschlagen und andächtig mit dem Lesen zu beginnen.
Die olfaktorische Lese-Ouvertüre – für einen kurzen Moment sehe ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, als ich es mir zur Gewohnheit werden ließ, vor dem Lesen erst einmal die Nase vorauszuschicken, um das Terrain zu erkunden, und ich glaube sagen zu können, dass ich meist schon nach ganz kurzer Zeit wusste, ob ich mich durch die Worte und Sätze wie ein Jagdhund hindurchschnüffeln, ob ich ihnen gierig und atemlos hinterher jagen werde oder ob mir schon nach ein paar Seiten der Atem ausgehen, die Lust versiegen, die Leidenschaft erlöschen würde. Spannung, Erkenntnis oder Langeweile – sie haben sich zuallererst in der Nase manifestiert. Und ich erinnere mich sehr genau an die Bücher, bei denen ich niesen musste, bei denen ich mit dem Riechen gar nicht mehr aufhören konnte – und an jene, die mir einen lang anhaltenden Schnupfen bescherten. Wie schön wäre es, wenn sie, die Nase, noch heute ihren Erkundungsdienst verrichtete …
Übrigens war es die Taschenbuchausgabe von Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“, die der Mann im Café zur Hand nahm … ich stelle mir vor, in den Büchern ließen sich für ein paar Augenblicke – dann, wenn man sie erstmals in den Händen hält – die Gerüche jener Zeiten und Landschaften, Städte und Dörfer, Menschen und Tiere erschnuppern, die Gegenstand des Werkes sind, seine Kulisse bilden oder die Leidenschaften der Protagonisten zum Glühen, deren Konflikte zu einem guten oder schlechten Ende bringen. Ob man allerdings – wie es bei Hugos „Glöckner“ der Fall wäre – tatsächlich den Geruch der Pariser Gassen des ausgehenden 15. Jahrhunderts – und sei es auch nur für ein paar Sekunden – in der Nase haben möchte, soll dahingestellt sein …
Noch eine Empfehlung: Der Göttinger Steidl Verlag hat 2012 in Zusammenarbeit mit dem Parfümeur Geza Schön und dem Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der die Verpackung kreierte, ein Parfum-Buch entwickelt: „Paper Passion“ heißt es, ein 50ml-Flakon, umschlossen von einem Buchblock in Leineneinband und feinstem Papier, mit einem etwa 30-seitigen Textvorsatz, der u.a. das Gedicht „Duftmarken“ von Günter Grass enthält. Öffnet man das Fläschchen, entströmt der Geruch frisch gedruckter Bücher.
Ich habe „Paper Passion“ vor einiger Zeit geschenkt bekommen – obwohl umgeben von Tausenden von Büchern, stecke ich jeden Tag meine Nase hinein und hole mir, mal als Horsd’œuvre, mal als Nachtisch des Arbeitstages, meine Extraportion Bucharoma.
(Paper Passion. Parfume. Göttingen: Steidl 2012. Abb. oben: Buchumschlag; Abb. unten: der Flakon. Copyright: Steidl Verlag, Göttingen)




