Der Geruch der Bücher

Paper Passion. Parfume. Göttingen: Steidl 2012.Beobachtung in einen Straßencafé, vor ein paar Tagen: Ein junger Mann nimmt am Nachbartisch Platz, greift, nachdem er bestellt hat, in seinen Rucksack und holt ein Buch heraus, das er offenbar erst kürzlich erworben hat, denn es trägt noch einen Preisaufkleber, den der Mann mit einem kräftigen Ruck herunterreißt, so wie man ein Pflaster entfernt, um den Moment des Schmerzes kurz zu halten. Interessiert, nein: ehrfürchtig dreht er das Buch mehrmals – ein dickes Exemplar übrigens –, betrachtet lange Vorder- und Rückseite, blättert dann wahllos in den Seiten, die er einige Male, wie bei einem Daumenkino, durch die Finger rascheln lässt, hält das Buch plötzlich an die Nase, schnuppert in die Seiten hinein, lächelt, legt es dann auf den Tisch, um es, seiner Ungeduld rasch nachgebend, sogleich wieder zu ergreifen, die erste Seite aufzuschlagen und andächtig mit dem Lesen zu beginnen.

Die olfaktorische Lese-Ouvertüre – für einen kurzen Moment sehe ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, als ich es mir zur Gewohnheit werden ließ, vor dem Lesen erst einmal die Nase vorauszuschicken, um das Terrain zu erkunden, und ich glaube sagen zu können, dass ich meist schon nach ganz kurzer Zeit wusste, ob ich mich durch die Worte und Sätze wie ein Jagdhund hindurchschnüffeln, ob ich ihnen gierig und atemlos hinterher jagen werde oder ob mir schon nach ein paar Seiten der Atem ausgehen, die Lust versiegen, die Leidenschaft erlöschen würde. Spannung, Erkenntnis oder Langeweile – sie haben sich zuallererst in der Nase manifestiert. Und ich erinnere mich sehr genau an die Bücher, bei denen ich niesen musste, bei denen ich mit dem Riechen gar nicht mehr aufhören konnte – und an jene, die mir einen lang anhaltenden Schnupfen bescherten. Wie schön wäre es, wenn sie, die Nase, noch heute ihren Erkundungsdienst verrichtete …

Übrigens war es die Taschenbuchausgabe von Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“, die der Mann im Café zur Hand nahm … ich stelle mir vor, in den Büchern ließen sich für ein paar Augenblicke – dann, wenn man sie erstmals in  den Händen hält –  die Gerüche jener Zeiten und Landschaften, Städte und Dörfer, Menschen und Tiere erschnuppern, die Gegenstand des Werkes sind, seine Kulisse bilden oder die Leidenschaften der Protagonisten zum Glühen, deren Konflikte zu einem guten oder schlechten Ende bringen. Ob man allerdings – wie es bei Hugos „Glöckner“ der Fall wäre – tatsächlich den Geruch der Pariser Gassen des ausgehenden 15. Jahrhunderts – und sei es auch nur für ein paar Sekunden – in der Nase haben möchte, soll dahingestellt sein …

Paper Passion. Parfume. Göttingen: Steidl 2012. FlakonNoch eine Empfehlung: Der Göttinger Steidl Verlag hat 2012 in Zusammenarbeit mit dem Parfümeur Geza Schön und dem Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der die Verpackung kreierte, ein Parfum-Buch entwickelt: „Paper Passion“ heißt es, ein 50ml-Flakon, umschlossen von einem Buchblock in Leineneinband und feinstem Papier, mit einem etwa 30-seitigen Textvorsatz, der u.a. das Gedicht „Duftmarken“ von Günter Grass enthält. Öffnet man das Fläschchen, entströmt der Geruch frisch gedruckter Bücher.
Ich habe „Paper Passion“ vor einiger Zeit geschenkt bekommen – obwohl umgeben von Tausenden von Büchern, stecke ich jeden Tag meine Nase hinein und hole mir, mal als Horsd’œuvre, mal als Nachtisch des Arbeitstages, meine Extraportion Bucharoma.
(Paper Passion. Parfume. Göttingen: Steidl 2012. Abb. oben: Buchumschlag; Abb. unten: der Flakon. Copyright: Steidl Verlag, Göttingen)

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Zusammenhanglosigkeiten

Peter Handke: Die Lehre der Sainte-Victoire. 21. - 30. Tsd. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1980Die „Ich“-sagende Stimme in Peter Handkes Buch „Die Lehre der Sainte-Victoire“ bekundet an mehreren Stellen ihre „Begierde nach dem Zusammenhang“ (S. 108). „Der Zusammenhang ist möglich“, heißt es. Und weiter:

„Jeder einzelne Augenblick meines Lebens geht mit jedem anderen zusammen – ohne Hilfsglieder. Es existiert eine unmittelbare Verbindung; ich muss sie nur freiphantasieren.“
(Peter Handke: Die Lehre der Sainte-Victoire. 21. – 30. Tsd. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1980, S. 100.)

Wenn die heutigen, die jetzigen Augenblicke mit anderen, längst vergangenen zusammengehen, dann bin ich immer noch verwickelt in überwunden geglaubte Befindlichkeiten, in die Tief- und Hochstimmungen der Kindheit, die Taumel und Schluchzer der Jugend. Reicht das Vergangene, das Abgelebte, permanent in die Gegenwart (des Bewusstseins) hinein? Ist die Gegenwart gar keine Gegenwart, sondern nur eine Fortsetzung des Vergangenen? Wie ‚aktualisiert’ sich das Ich?

Es gibt – vielleicht mit Ausnahme des Schlafes – keinen nicht erlebten Augenblick, die Augenblicke reihen sich aneinander, es gibt keine Lücke, in der Rückschau aber verflüchtigen sich die meisten von ihnen, verdichten sich – oder: verkümmern zu Erlebnisblöcken, verschmelzen zu (scheinbaren) Einheiten, jeweils in sich abgeschlossen, mit Anfang, Mitte und Schluss. Diese Blöcke stehen dann Wand an Wand, aber Türen gibt es nicht …

Bei Handke geht jeder Augenblick „mit jedem anderen zusammen“, also nicht nur mit dem unmittelbar vorangegangenen. In dieser Vorstellung müsste ein unabsehbares Netz an Beziehungen, an Sinnzusammenhängen, an Abhängigkeiten existieren. Gibt es dieses Sinngeflecht? Wer vermag es zu erkennen? Gibt es das Allumfassende? Wem nützt es? Gibt es den Zusammenhang? Wer den „freiphantasierte“, dem gebührt die Krone der Erkenntnis … oder der Imagination …

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Notiz über den entschwindenden Traum (und die sich sträubende Erinnerung)

Peter Handke: In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1999Der Protagonist aus Peter Handkes Roman „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“ (zuerst 1997), ein Kleinstadt-Apotheker aus dem Salzburger Umland, sagt am Ende des Buches:

„Wie die Träume aufgehört haben, daran erinnert man sich meistens. Daran, wie sie angefangen haben, fast nie!“
(Peter Handke: In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1999. (= suhrkamp taschenbuch. 2946.), S. 309.)

Ich kann Handkes Geschöpf nicht zustimmen. Ich erinnere mich weder an den Anfang von Träumen noch an ihr Ende. Was nach dem Aufwachen bleibt, dass ist eine vage, wabernde Ungewissheit, eine flackernde Leuchtspur, der man beim Verschwinden zusehen kann. Irgendein Schauspiel scheint stattgefunden zu haben, aber ich sehe immer nur den Vorhang, der sich gerade schließt. Das unterscheidet (möglicherweise) den Traum von der Erinnerung. Zum Beispiel – beim Betrachten eines alten Fotos oder beim Berühren eines Buches, das vor mehr als dreißig Jahren gekauft und seitdem nicht mehr in die Hand genommen wurde: Manchmal geht von den Dingen ein Echo aus, das aus einer anderen Zeit herüberweht und, wie das Echo, ein paar Silben verschluckt, das Wort aber noch zu erkennen gibt (was zu wiederholen ihm aufgegeben wurde). Von dem, was sich da in den Schlaf geschlichen hat, von jenen wackelnden, verwehenden Bildern, bleibt nichts – außer vielleicht eine Stimmung, die ihre Ursache nicht offenbart – ein Unbehagen, ein Missvergnügen vielleicht, vielleicht aber auch zuweilen „Wohlklang und Wärme“, wie es Friederike Mayröcker (freilich in einem ganz anderen Zusammenhang) einmal formuliert hat (Friederike Mayröcker: Lection. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1994, S. 163). Auf ‚Wahrhaftigkeit’ freilich ist weder beim Traum noch beim Erinnerungsprozess zu hoffen. Man kann nicht alles haben.

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Das Leistungsspektrum der Erinnerung

Peter Härtling: Leben lernen. Erinnerungen. München: dtv 2005„Erinnerung bestätigt den Alten“, heißt es ganz am Anfang von Peter Härtlings Autobiografie „Leben lernen“ (zuerst 2003), wobei er mit dem „Alten“ sich selbst meint. Und weiter:

„Sie [die Erinnerung] kann er ausspielen, mit ihr kann er sich aus dem täglichen Gerangel stehlen, sie kann er ummünzen, wenn ihm danach ist, und mit ihr kann er sich entfernen.“
(Peter Härtling: Leben lernen. Erinnerungen. München: dtv 2005, S. 7.)

Es ist also Erstaunliches, Vielfältiges, Widersprüchliches, was mit Erinnerung anzufangen ist und was sie selbst zu leisten und zu sein vermag: Sie ist das subjektive Bollwerk, das im Zweifel gegen anderslautende Eindrücke ‚auszuspielen’ wäre, sie ermöglicht Alltagsfluchten, Befreiung aus Augenblicksforderungen und Gegenwartsumklammerungen, zumindest zeitweise, sie scheint den unberechenbaren Launen zu gehorchen, die sie umerziehen, sie schminken, ihr ein anderes Gewand verleihen möchten, die ihre ‚Wahrheit’ aufweichen, sie mit fremden Bildern füllen wollen (– dabei ist sie, die Erinnerung, selbst imstande, mit tausend Zungen zu reden –). Und schließlich: Wenn man sie einmal zum Bleiben bewegen kann, folgt sie einem auf Schritt und Tritt, bietet ihre Begleitung auch auf dem letzten Weg an, durchschreitet mit uns jenes Tor, über dem (frei nach Dante) geschrieben stehen könnte: „Lasst jede Erinnerung fahren, wenn ihr eingetreten“, legt sich schließlich mit uns zur endgültigen (zur ‚ewigen’?) Ruhe.

Dabei ist mit ihr, der Erinnerung, nicht immer zu spaßen. Quälend nachdrücklich und detailbesessen listet sie vergangene Peinlichkeitsmomente auf, die uns immer wieder aufs Neue die Schamesröte ins Gesicht schießen lässt, sie hetzt uns unerbittlich durch die Schreckensgalerie des Blamablen. Ausgerechnet hier wird Vergangenheit nur allzu lebendig, ausgerechnet diese Momente erscheinen im klarsten Licht, ausgerechnet diese lassen sich nicht in die Schranken weisen … Das Misslungene, das Beschämende ist das Unvergängliche, das Unsterbliche der Erinnerung …

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Haltlose Spekulationen über das Unsagbare

Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Aus dem Französischen v. Dietrich Leube. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989.In seinem 1980 erschienenen Buch „Die helle Kammer“ spricht Roland Barthes an einer Stelle vom „Druck des Unsagbaren, das gesagt werden will“ (Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Aus dem Französischen v. Dietrich Leube. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989 (= suhrkamp taschenbuch. 1642.), S. 26. – Original: La chambre claire. Note sur la photographie. Paris: Gallimard / Le Seuil 1980). 

Ich erlaube mir, in einigen wenigen Sätzen den eigentlichen Kontext außer Acht zu lassen und mir (in gewohnter Leichtfertigkeit) einen eigenen zu schaffen – man muss die Spekulationslaune des eigenen Hirns ausnutzen, so dreist, so wild, so unbeholfen sie sich auch gebärden mag … Die erste Überlegung: Wieso macht das Unsagbare Druck? Weil ihm womöglich Druck gemacht wird? Weil es gedrängt wird, sich ein ‚Sprachrohr’, ein Enthüllungsmedium zu suchen – also einen Schriftsteller? Dem wiederum es obliegt, das Sagbare (oder besser: das eigentlich zu Sagende) mit dem Unsagbaren zu versöhnen? Ist das Unsagbare nicht einfach nur das (bisher) Ungesagte, das noch nicht Verlautbarte, das zum Unaussprechlichen stilisiert, zum ewig Unerklärlichen, zum unhintergehbaren Geheimnis verklärt wurde?

Das Unsagbare scheint das zu sein, was es im Schreiben hervorzukehren – und zu bewahren gilt. Das Schreiben (wie ich es mir, zumindest im Augenblick, vorstellen könnte) strebt nach bedingungsloser Preisgabe, nach Verrat und zerrissenen Vorhängen – und ist doch der Wahrung (oder auch: Schaffung?) ‚letzter’ Geheimnisse verpflichtet (die vielleicht die ‚ersten’, nur ein paar unbedeutende unter vielen, die vielleicht auch – gar keine sind)? Und wenn es so wäre: Wie geht das, ganz konkret, ganz ‚praktisch’: Benennen und Vertuschen zugleich, ein Schmettern und ein Leisetreten, Crescendo und Decrescendo, anschwellende Lautlosigkeit, hintertriebene Offenbarung? Als Leser begleitet (bedrängt? verfolgt?) mich seit Jahrzehnten der irrsinnige Wunsch, im Lesen, in der Literatur mögen Wahrheiten zu Tage kommen, nach denen die Menschheit seit Urzeiten lechzt, möge sich das Dunkel der Welt lichten, Schleier heben und Nebel verziehen.

Der Wunsch – er bleibt unerfüllt. „Ein erfüllter Wunsch ist ein zerstörter Wunsch“, habe ich gerade in einem Roman gelesen (Brian Moore: Die Farbe des Blutes. Roman. Aus dem Englischen von Otto Bayer. Zürich: Diogenes Verlag 1989, S. 108. – Original: The Color of Blood. New York: E. P. Dutton 1987). Das verstehe ich als Trost. Die Zerstörung jedenfalls nehme ich (vorerst) lieber nicht in Kauf. Momentan beschleicht mich die Ahnung (und das ist beunruhigend genug), dass es gar kein Dunkel gibt, das sich lichten, keine Schleier, die sich heben, keine Nebel, die sich verziehen könnten, wohin auch immer. Trotzdem lese ich weiter. Was aber – heißt das für das Schreiben? Das neue Jahr, in wenigen Stunden beginnt es, wird genug Zeit bieten, darüber nachzudenken …

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Neuer Lesestoff

Von weiteren Veröffentlichungen ist zu berichten. „Meine scharfkantigen Träume / Reißen Wunden in den frühen Tag“ – so lauten die ersten beiden Zeilen meines Gedichtes „Blutender Tag oder Wirrnisse eines Liebesentsagenden“, das gerade – zusammen mit meinem Gedicht „Versäumnis“ – in der neuesten Ausgabe von „500Gramm“, dem Bonner „Journal für Literatur und Graphik“ erschienen ist (Nummer 6 / November 2012). In der gleichen Ausgabe finden sich u.a. auch Texte von Stefanie Golisch, Johannes Witek, Clemens Schittko, Ines Hagemeyer, Ulrich Bergmann, Manfred Pricha und Uli Kaup. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage von „500Gramm“.

Mitte Dezember erscheint mein Prosatext „Kerzen im Kopf“ – in der 12. Ausgabe (Themenheft: „Erosion“) des Literaturmagazins „Driesch“, der „Zeitschrift für Literatur & Kultur“ (Drösing / Niederösterreich). Hier ein kleiner Ausschnitt:

(…) Jetzt stehen sie wieder vor mir – die Bilder eines überwunden geglaubten Einst, die Schattenrisse der Vergangenheit, die gestochen scharfen Kopien abgelebter Augenblicke. Jedes Jahr aufs Neue bohren sie sich in meine Gegenwart wie Zecken in die Kopfhaut ahnungsloser Wanderer … Ich sehe die Straße vor unserem Haus, der Schnee ist sorgfältig an den Rand des Bürgersteigs geschoben worden, auf einer geraden Linie zu kleinen Hügeln gleicher Höhe geformt. Ein prahlend praller Mond wirft mit Licht nur so um sich. Dichte Schneeflocken schraffieren den Blick auf die Nachbarhäuser. Bleierne Stille lastet über der Stadt, als ob die Nacht den Atem angehalten hätte und auf etwas Schreckliches wartet. (…)

Die offizielle Präsentation des Heftes findet am 11. Dezember 2012 im Vortragssaal der Geologischen Bundesanstalt (GBA) in Wien statt. Es lesen Harald Darer, Paula Resch, Ursula Soukup und Wolfgang Straßnig. Die Moderation übernimmt Haimo L. Handl, der „Driesch“-Herausgeber. Weitere Infos zur Präsentations-Veranstaltung gibt es hier, zur Zeitschrift selbst: hier.

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