Vor einiger Zeit gelesen: „Wo Rettung erwächst“ – Kristina Maidt-Zinke bespricht den neuen Roman von Michael Scharang „Komödie des Alterns“ (Berlin: Suhrkamp 2010) in der ZEIT Nr. 30 vom 22. Juli 2010. Der Artikel macht wirklich neugierig auf das Buch. An einer Stelle lobt die Rezensentin die „Lust des Autors am Austarieren hypotaktischer Satzgebilde“. Und sie fährt fort:
„Sie [diese Lust] prägt die ganze Erzählung, unzeitgemäß und für sprachsensible Leser höchst erfreulich, ebenso wie das Stilmittel der indirekten Rede, schwelgend in jenen Konjunktivformen, deren Beherrschung zu den vom Aussterben bedrohten Kulturtechniken zählt.“
In der Tat: Mit dem Konjunktiv können nicht mehr allzu viele Menschen irgendetwas anfangen, weder mit seiner ‚handwerklich’-grammatikalischen Ausgestaltung noch mit der hinter ihm stehenden ‚Geisteshaltung’. Schon vor fünfzig Jahren sprach der Literaturwissenschaftler Albrecht Schöne vom Konjunktiv als „missliebig gewordener Modus“, der zugunsten indikativischer Formen immer weiter zurückgedrängt werde. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1961 geht er der Frage nach, woran das liegen könnte:
„Wenn im Sprachgebrauch geistige Haltungen sich bezeugen, die zwar an der Sprache ablesbar sind, das sprachliche Verhalten aber übergreifen, so müsste auch der Schwund des Konjunktivs auf tiefere Veränderungen deuten, auf ein Zurücktreten jener Möglichkeiten menschlichen Verhaltens zur Welt, die in eben diesem Modus beschlossen liegen.“
(Albrecht Schöne: Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil. In: Deutsche Romane von Grimmelshausen bis Musil. Interpretationen 3. Hrsg. v. Jost Schillemeit. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1966, S. 290 – 318, hier: S. 290. – Zuerst erschienen in: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 55 (1961), S. 196 – 220.)
Schöne spricht in seinem Beitrag in der Hauptsache vom Konjunktiv II, dem Irrealis bzw. Potentialis, während Maidt-Zinke eher den Konjunktiv I im Sinn haben dürfte, wenn sie vom „Stilmittel der indirekten Rede“ spricht. Trotzdem: Die Abneigung gegen den Konjunktiv und die weitverbreitete Hilflosigkeit, was seine Beherrschung anbelangt, betrifft beide Modusformen.
Dabei ist nach Schöne die Hinwendung zum Konjunktivischen als Ausdruck der Lust an Variationen, an Konstellationsverschiebungen, Versuchsanordnungen, Experimenten und Entwürfen zu interpretieren. Der Konjunktiv eröffnet Möglichkeiten, die der Indikativ (fast) allesamt schon längst verworfen hat, der Indikativ hat sich mit dem Sosein abgefunden, während der Konjunktiv das noch nicht erwachte Wirkliche in all seinen Facetten und Spielarten bezeichnet, die Wirklichkeit in einer spannenden und völlig offenen Probesituation. So wird der Konjunktiv – mit dem ihm potentiell innewohnenden „futuristische[n] Trieb“ (S. 301) – auch zu einem „Modus der Verheißung“ (S. 300). Das „Es könnte auch anders-Sein“ (S. 304 et passim) ist das eigentlich Faszinierende, das der Modus offenbart.
Mittels des Konjunktivs gestaltet sich auch und gerade der literarische Schaffensprozess als „fortgesetztes Entwerfen, Versuchen, Verabschieden, Zurückstellen und Erproben von Möglichkeiten“ (S. 296). So gesehen wird konjunktivischer Enthusiasmus geradezu zur ersten Schriftstellerpflicht. Der Konjunktiv ist, um nochmals Schöne zu zitieren, die
„grammatische Signatur eines von der Leidenschaft zum Experiment erfüllten Möglichkeitsdichtens“ (S. 314).
Ein Lektüretipp: Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen. 2. Aufl. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2009 (Buchcover oben).