Gerade gelesen: „Seltsamer Abschied“ von Hermann Lenz, 1988 erstmals erschienen. In seinem autobiografisch gefärbten Roman lässt Lenz seinen Protagonisten, den ‚unzeitgemäßen’ Schriftsteller Eugen Rapp, über Freuden und Leiden des Schreibens und des Literatendaseins, über die Schönheit der Natur und familiäre Ränkespiele, über die Sackgassen und Irrwege des Fortschritts und seiner frisch-fröhlichen Verfechter und die lästigen Anforderungen und Beschwerlichkeiten des Alltagslebens reflektieren. An einer Stelle auf den Anfangsseiten des Buches – Rapp sinniert hier über unangenehme Begebenheiten und Befindlichkeiten in der Vergangenheit – heißt es:
„Nun war das Widrige verschwunden wie zuweilen, wenn er in seiner Dachstube schrieb und spürte, dass die Wörter mit seinen Empfindungen verschmolzen.“
(Hermann Lenz: Seltsamer Abschied. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1990. (= suhrkamp taschenbuch. 1760.), S.11. – Zuerst: Frankfurt/M.: Insel Verlag 1988 [Buchcover/Ausschnitt].)
Natürlich habe ich mir den Satz angestrichen – und ein paar andere auch, auf die ich sicher hier und da noch zu sprechen kommen werde. „Natürlich“ deshalb, weil es das doch gerade ist, was wir im Schreiben anstreben: die Deckungsgleichheit von Wort und Empfindung, von Text und innerem Erleben. Und weil es „natürlich“ das ist, woran wir am häufigsten scheitern. Scheitern müssen. Denn es gibt keine Deckungsgleichheit, sondern allenfalls das labile Gefühl einer vorläufigen, einer nervösen, unbehaglichen Zufriedenheit, ein nur provisorisches Wohlbehagen also, eine einstweilige Vergnügung. Viel zu wenig – und doch unendlich viel. Für Eugen Rapp – und nicht nur für ihn – laufen die „Spielereien mit der Feder“ im Übrigen darauf hinaus, „etwas hervorzuholen, was längst versunken war“ (ebd., S. 213). Das könnte schon eher gelingen …