Vor ein paar Wochen sind in zwei deutschen Zeitungen am gleichen Tag Interviews mit zwei Autoren erschienen, die sich im Gespräch auch über die Bedeutung resp. Nicht-Bedeutung der Kategorien ‚Identität’ und ‚Authentizität’ für ihr eigenes Schreiben äußerten. Die Auffassungen der beiden Schriftsteller gehen weit auseinander, können in dieser Hinsicht als zwei (unversöhnliche?) Pole in der Gegenwartsliteratur verstanden werden und seien (nicht nur) deshalb hier zitiert.
„Der Friedhof von Prag“ heißt der neue Roman von Umberto Eco. Der Semiotik-Professor und Bestsellerautor aus Bologna begibt sich in die ebenso spannende wie undurchsichtige Welt der Komplotte und Verschwörungen. Es geht um die fiktive Figur des skrupellosen Fälschers Simonini, einem der Mitverfasser der „Protokolle der Weisen von Zion“, einem üblen Machwerk, das die angebliche „jüdische Weltverschwörung“ beweisen sollte und bereits in den frühen 1920er-Jahren als plumpe Fälschung antisemitischer Kreise entlarvt wurde. Für den Berliner „Tagesspiegel“ spricht der Kritiker Reinhold Jaretzky mit Umberto Eco über das neue Buch. Auf die Frage, wie „authentisch“ sein Erzählen sei, antwortet Eco:
„Ich habe das Bestreben, dass all das, was ich erzähle, historisch korrekt ist. Die einzige erfundene Figur ist Simonini, aber auch er tut Dinge, die sich tatsächlich ereignet haben, und so ist auch er gewissermaßen eine wahre Figur. Wenn meine Figuren den Mund öffnen, dann setze ich das in Gänsefüßchen. Denn sie sagen Dinge, die tatsächlich gesagt worden sind. Die Geschichte, die Realität ist ja stets romanhafter als die Fantasie.“
(„Der Tagesspiegel“, Onlineausgabe vom 29. September 2011, zu lesen hier)
Hier scheint der Glaube ungebrochen, dass zu schildern möglich ist, „wie es eigentlich gewesen ist“ (Leopold von Ranke), und dass es eine Tugend ist, dieses Anliegen auch in der Literatur zu verfolgen. Dabei wusste schon Thukydides, dass allein schon zutiefst ‚menschliche’ Kategorien wie „Gunst“ und „Gedächtnis“ einer ‚objektiven’ Historiographie nur allzu oft im Wege stehen.
Das Zurückgehen auf ‚historische Faktizität’ ist ein Rekurrieren auf Ereignisse, die als historische Realität definiert wurden. Historische Realität ist erschlossene, als solche interpretierte, ist gesetzte, letztlich ‚nur’ imaginierte historische Realität. Das diskreditiert sie aber keineswegs. Ein Rekurrieren auf eine starre, ‚einzig wahre’ Faktizität kann (innerliterarisch) nur als ironische Strategie verstanden (und akzeptiert) werden. Literatur spielt mit der Realität, also mit dem Möglichkeitsspektrum, das der Realität innewohnt. Literatur zeigt, wie es gewesen sein könnte – und konstruiert damit zugleich eine Vielzahl weiterer Realitäten. Warum sich nur mit einer begnügen?
Für die „ZEIT“ (Onlineausgabe vom 29. September 2011) hat sich Johannes Thumfart mit dem Autor Thomas Meinecke unterhalten. Meinecke, Jahrgang 1955, ist durch seine Bücher „Tomboy“, „Hellblau“ und „Musik“ bekannt geworden – ‚postmoderne’, hoch komplexe Textzumutungen (im besten Sinne), allesamt „Operationen am offenen Wort“, wie es Tobias Rüther einmal in der „FAZ“ (14. Oktober 2008, hier online) formuliert hat. Sein aktueller Roman heißt „Lookalikes“. Es geht um Menschen, die Stars ähnlich sehen und diese imitieren, sei es im privaten Bereich, sei es, weil sie damit Geld verdienen wollen. Sie, diese Figuren, interessieren Meinecke deshalb, weil sie
„für ein performatives Verständnis von Persönlichkeit stehen. Sie sind nicht sie selbst, sondern sie stellen jemand anderen dar (…). ‚Lookalikes’ unterlaufen damit die herkömmliche Idee von Identität, die sehr starr sein kann. Authentizität hat mich nie interessiert, sondern immer das Inauthentische.“
(Der ganze Artikel ist hier zu lesen.)
Durchaus verständlich, wie ich meine. Authentizität wird interessant nur noch in seinem Inszenierungscharakter, das Authentische (imaginiert als das Ursprüngliche, das Reine, das Wahre, das Echte) ist nichts anderes als Gehabe, das sich als Eigentlichkeit tarnt, wie auch „Identität“ immer nur „Idee von Identität“ ist.
Warum dem ‚Eigentlichen’ (also einem imaginierten ‚einzig Wahren’) hinterher hecheln, wenn es so viele ‚Wahrheiten’ gibt?
Knapp zwei Wochen vor diesem Interview charakterisierte Meinecke übrigens in einem anderen Gespräch seinen neuen Text als „ein auf den Leser hereinbrechendes Zeichengewitter, das keinesfalls von mir beherrscht wird“ (Die Welt online, 17. September 2011 – Gespräch mit Tobias Schwartz. Das ganze Interview ist hier zu lesen.)
Ein weiterer Lektüretipp zum Thema: Authentizität. Diskussion eines ästhetischen Begriffs. Hrsg. v. Susanne Knaller u. Harro Müller. München: Wilhelm Fink Verlag 2006.