Das schlagartige Erblicken des Abwesenden

In Nina Jäckles beeindruckenden Roman „Zielinski“, eine bis ins Absurde, beklemmend Kafkaeske gesteigerte Geschichte einer Ich-Entgleisung, ist an einer Stelle zu lesen:

„Ein Freund nannte es das Auslassen des Gemeinten. Mit Bleistift zeichnete er ein Zimmer. Er schraffierte die Wände, er zeichnete ein Fenster, einen Teppich, eine Pflanze, einen Tisch. Nur den Platz eines Stuhls ließ er weiß. Diesen nicht gezeichneten Stuhl konnte ich deutlich erkennen.“
(Nina Jäckle: Zielinski. Roman. Tübingen: Verlag Klöpfer & Meyer 2011, S. 93.)

Nina Jäckle: Zielinski. Roman. Tübingen: Verlag Klöpfer & Meyer 2011Man gestatte mir ein paar wenige wild-spontane Bemerkungen, ein paar Assoziationstrümmer dazu: Was das Auge vermisst, wird im nächsten Augenblick durch den Kopf ergänzt – durch die Erfahrungs-, durch die Erwartungssegmente, die in ihm herumschwirren. Das (überraschend) Nicht-Vorhandene wird umso sichtbarer, je mehr es (jetzt und an dieser Stelle) erwartet wird. Diese Erwartung ist aber keine, die einem bewussten Suchen nach etwas gleichkommt, einer sofortigen, gespannten Überprüfung, ob es auch tatsächlich da ist. Die Unvollständigkeit des Tableaus, die Leerstelle, offenbart sich schlagartig, überfallartig, wird im Nu registriert, weil sich eine Erwartung ’schon immer‘ irgendwo eingenistet hat – ein Etwas gibt sich, im plötzlichen Gewahrwerden des unvollständigen Bildes, als Erwartung zu erkennen. Das Geahnte, das Erwartete muss gar nicht anwesend sein, um erkannt zu werden … Vielleicht ist ja alles, was vorhanden, was sichtbar ist, letztlich nur dazu da, um auf das Abwesende zu verweisen, das dadurch merkwürdig anwesend wird.

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Der „Schattenheld“ bei duotincta

"Schattenheld"-Buchcover

„Schattenheld“ – Buchcover

Ein – für mich nicht ganz unwichtiger – Hinweis in eigener Sache:
In wenigen Wochen ist es so weit: Mein Roman „Schattenheld“ erscheint im Berliner duotincta Verlag! Erst im letzten Jahr gegründet, kann der äußerst engagiert und hoch professionell agierende Verlag schon mit einer Reihe gewichtiger und erfolgreicher Publikationen aufwarten – mit Dominik Forsters Anti-Drogenroman „crystal.klar“, Frank O. Rudkoffskys „Dezemberfieber“, Stefanie Schleemilchs Roman „Letzte Runde“, Birgit Rabischs „Die vier Liebeszeiten“, Daniel Breuers „nathanroad.rec“, „Gerlinde Gerlach und der Tanz der Tierchen“ von Katharina Gerwens und „Die Insel“, ein Roman des österreichischen Autors Wolfgang Eicher. Ich freue mich sehr, dass sich der „Schattenheld“ in diese angenehme, motivierende, literarisch anregende Gesellschaft einreihen darf. Wer ein Exemplar vorbestellen möchte – hier gibt es die Möglichkeit dazu.
Übrigens: Jede Menge Infos zum Roman gibt es auf der „Schattenheld“-Homepage und auf der „Schattenheld“-Facebook-Seite.
Schon mal reinhören? Bei Youtube gibt es eine Video-Leseprobe. Und auch den Buchtrailer gibts bei Youtube zu sehen.

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Belanglose Erinnerungsblitze

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. 4. Aufl. München: dtv 2014Manchmal bleibt man an einem einzigen Satz hängen und kommt aus dem Grübeln nicht mehr heraus – beim Schreiben sowieso, aber auch beim Lesen eines aufregenden Textes. Ein solcher ist Patrick Modianos Roman „Im Café der verlorenen Jugend“, 2007 bei Gallimard erschienen, 2012 als deutsche Erstauflage bei Hanser.
Vier verschiedene Erzähler erinnern sich an das Paris der 1960er-Jahre, an das unstete Bohème-Leben, an ungezählte Nächte in den Künstler- und Schriftsteller-Cafés der Seine-Metropole, in denen gezecht, gestritten, endlos diskutiert wurde. Alle Ich-Stimmen kreisen in ihren jeweiligen Erzählungen um die Figur eines geheimnisvollen Mädchens namens Jacqueline, das irgendwann in der damaligen Zeit in den Künstlerkreisen aufgetaucht ist und insbesondere bei den männlichen Protagonisten für Irritationen, für Mutmaßungen und bei manchen auch für Sehnsüchte gesorgt hat.
Jacqueline, die sich selbst Louki nennt, kommt als ‚vierte Stimme‘ in einem eigenen Kapitel ebenfalls zu Wort. Dort sagt sie an einer Stelle:

„Schwarze Löcher. Und dann blitzen Einzelheiten auf in meinem Gedächtnis, Einzelheiten, so genau, dass sie belanglos sind.“
(Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. 4. Aufl. München: dtv 2014, S. 90.)

Erinnerung – In einer Nebellandschaft herumirren und auf die wenigen Momente hoffen, in denen die Schwaden, ganz kurz nur, dünner werden, in denen Konturen einer anderen Welt verschwommen sichtbar werden oder wenigstens zu erahnen sind, Umrisse, Schemen einer einstigen, einer durch und durch vergangenen Welt, die trotzdem – als erkaltete Lava, als Maske ihrer selbst oder als ein sich windendes, unablässig sich häutendes Tier – einfach nicht Abschied nehmen will, verzweifelt und trotzig auf ihrer Unsterblichkeit beharrt und dabei, spöttisch grinsend, immer wieder mit dem seidenen Abschiedstuch herüberwinkt.

Mehr ist wohl auch nicht zu erwarten. Soll man das bedauern? Oder aufatmen, sich den Angstschweiß von der Stirn wischen und dankbar sein, dass es so ist? Was macht – nach Loukis Worten – plötzlich auftauchende, klar erkennbare, exakt identifizierbare Erinnerungssegmente so nichtssagend, so banal, so bedeutungslos? Wäre hier nicht, immerhin, ein winziges Stückchen Gewissheit zu erhaschen? Die Anmutung einer ‚Wahrheit‘? Sind die Einzelheiten „belanglos“, weil sie eben Einzelheiten sind, weil sie, losgelöst vom ‚großen Ganzen‘, nichts offenbaren außer sich selbst, weil sie keine Zusammenhänge, keine Übergänge sichtbar werden lassen, weil ihr Aufblitzen bedeutet, dass alles andere um sie herum im Dunkeln bleibt? Bekommt, könnte man fragen, nicht doch der Erinnerungsberg auch etwas Licht von seinen sekundenkurz illuminierten Steinchen ab?

Wollte man dem, was die Figur Louki wirklich meint, auf den tiefsten Grund gehen, wäre der Spekulationen Ende nicht abzusehen. Genau darin aber liegt der Zauber, liegt die Faszination, liegt die Bedeutung solcher Sätze – dass sie einen schier unendlichen Prozess der Reflexion in Gang zu setzen vermögen, eine Ideen-, eine Mutmaßungslawine ins Rollen bringen, die nur eines unter sich begräbt: den Irrglauben, der Lösung ganz nahe zu sein.

Patrick Modiano: Unfall in der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 2006Auch in Patrick Modianos Roman „Unfall in der Nacht“, der wie alle anderen dieses großen Autors zur Lektüre empfohlen sei, ist von der Erinnerung, ist von „schwarzen Löchern“ die Rede. Dort sagt der Ich-Erzähler an einer Stelle:

„Das Vergessen frisst mit der Zeit ganze Abschnitte unseres Lebens auf und manchmal winzige Verbindungsstücke. (…) Wie soll man auch nur die mindeste Chronologie herstellen, wenn man diese verstümmelten Bilder vorbeiziehen sieht, die sich in der größten Verwirrung unseres Gedächtnisses überlagern oder zwischen den schwarzen Löchern manchmal langsam, dann wieder ruckartig aufeinander folgen?“
(Patrick Modiano: Unfall in der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 2006, S. 75. – Das Original erschien 2003 bei Gallimard, Paris.)

Was es mit der ‚Diskreditierung‘ der „Einzelheiten“ auf sich hat, wird auch hier nicht näher ausgeführt. Vielleicht kann man sogar so etwas wie eine leichte Kehrtwende erkennen – eine ‚Aufwertung‘ der Kleinstpartikel. Immerhin können, folgt man den Ausführungen des Ich-Erzählers, einige von ihnen als jene „Verbindungsstücke“ fungieren, die für die „Chronologie“, für die Einheitlichkeit des Erinnerungserlebens sorgen. Ihre Absenz hat „verstümmelte Bilder“, hat Gedächtniskonfusion zur Folge.
Warum finden sie nicht zueinander – die einzelnen ‚Lebensblöcke‘ und ihre „Verbindungsstücke“? Waren sie überhaupt jemals wirklich miteinander verbunden – in jenem Augenblick vielleicht, als beide zugleich Gegenwart waren? Sind sie schon im nächsten Moment auseinandergedriftet, in jenem Moment nämlich, als sie von ihrem kurzlebigen gegenwärtigen Daseinszustand in den nunmehr allzeit erinnerbaren übergewechselt sind? Wird hier nicht einer Trennung nachgetrauert, die eigentlich zu begrüßen wäre, wenn sie denn stattgefunden hätte – weil sie der Illusion, es hätte einmal ein unantastbares Gefüge, eine womöglich harmonische Verbundenheit, eine selbstverständliche Zusammengehörigkeit, eine unverbrüchliche Einheit gegeben, die verdiente Absage erteilt?

Darüber wird noch lange nachzudenken sein, man müsste sich hierzu ein weiteres Leben erbetteln (von wem eigentlich?) ­– um am Ende doch vor der Erinnerung und ihren heimtückischen Manövern zu kapitulieren.

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Aufgaben der Literatur

In einer Kritik von Barbara Villiger Heilig in der „Neuen Zürcher Zeitung“ über Andrea Breths Inszenierung von John Hopkins „Diese Geschichte von Ihnen“ am Wiener Akademietheater heißt es an einer Stelle:

„Andrea Breth, die große deutsche Regisseurin, zeigt hier, was Theater – im ureigenen Sinn – kann. Und zwar: Vorgänge durchleuchten, Gewissheiten hinterfragen, Abgründe öffnen. Was wissen wir schon von anderen Menschen, was von uns selbst? Die Figuren auf der Bühne führen es vor: kaum etwas. Aber sie lassen uns teilhaben an der unwillentlichen Erforschung ihres Ichs, die statt der Lösung des Falls anderes zutage fördert.“
(aus: Neue Zürcher Zeitung online, 29. Januar 2016 – hier der ganze Artikel)

Sind hier nicht genau die Aufgaben benannt, die an die Literatur selbst zu stellen, die ihr aufzubürden sind?
– „Vorgänge durchleuchten“: Mit einem Schweinwerfer – oder wenigstens einer flackernden Kerze – ins Dunkel hineinstrahlen, damit die ineinander verhedderten Fäden wenn nicht entwirrt, so doch wenigstens sichtbar werden und selbst die merkwürdigsten, die mysteriösesten Lebensverflechtungen in einem anderen Licht erscheinen;
– „Gewissheiten hinterfragen“: Auf dass sich in uns nichts festsetze, was als Stolperfalle, was als Schlinge für neue Wahrheiten sich entpuppen könnte – Wahrheiten, die wahrscheinlich auch keine sind, wie zu fürchten – oder aufatmend zu konstatieren ist;
– „Abgründe öffnen“: Damit das Brüchige, das Poröse unseres Fundaments sich offenbart, damit wir dessen ansichtig werden, was sich unter uns, was sich in uns abspielt, damit erkennbar wird, wie tief unser Fall sein könnte und dass nichts ihn abzufedern vermag …

Barbara Villiger Heilig schließt ihre Kritik mit dem Satz: „Bei Andrea Breth wird das Komplizierte evident. Mehr verlangt niemand vom Theater.“ Von der Literatur auch nicht, möchte man ergänzen.

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Der „Schattenheld“ wird veröffentlicht

Ein Mann streift durch abendliche Straßen, betritt die Kneipe eines Vereinsheims und lässt dort sein Leben Revue passieren, ein Leben zwischen Triumph und Absturz, Stolz und Scham. Das ist die Ausgangssituation meines Romans „Schattenheld“.
Rasch wird klar: Der Mann war einer der „Helden von Bern“, einer jener elf Männer, die im Sommer 1954 völlig überraschend den Fußball-Weltmeistertitel für Deutschland gewannen.
Die namenlose Figur trägt Züge eines Fußballers, der tatsächlich Teil der damaligen „Wundermannschaft“ war, doch das „reale“ Leben dieses Menschen dient nahezu ausschließlich als ‚Gerippe‘, als biografische Krücke für das fiktive Leben der Romanfigur, die sich am Stammtisch der Kneipe in Tagträumen und quälerischen Selbstreflexionen ergeht.

Der Roman versteht sich (auch) als eine – zugegebenermaßen harsche – Liebeserklärung an die einstigen Fußball-„Helden“, als kritische Hommage, zugleich als Baustein eines Psychogramms der frühen Bundesrepublik, einer durch den WM-Sieg euphorisierten jungen Nation, die in nicht wenigen Teilen noch die alte war.

Dies und noch mehr wird man demnächst auf etwa 190 Seiten in gedruckter Form nachlesen können. Denn der „Schattenheld“ hat einen, hat seinen Verlag gefunden: Im Sommer 2016 wird er das Licht der Literaturwelt erblicken, als Taschenbuch und als E-Book – kurz vor Silvester habe ich den Verlagsvertrag unterzeichnet.
Weitere Informationen folgen, sobald der Roman erschienen ist.

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Vom Schreien und vom Verstummen

handke_chineseWieder einmal, nach längerer Pause, ins Handke-Universum eingetaucht und mich darin verloren (oder gefunden?). Wieder einmal Sätze entdeckt, die die dunklen Stellen des Daseins auszuleuchten vermögen, so dass es zuweilen, merkwürdig genug, wie eine Erleuchtung anmutet, deren man sich erfreuen darf, eine ganz kurze nur – und sicher auch keine wirkliche. Ein Beispiel:

Andreas Loser, der Ich-Erzähler aus Peter Handkes „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), Lehrer für alte Sprachen in Salzburg, stößt eines Tages – grundlos, wie es scheint, eher zufällig als wirklich gewollt – in der Innenstadt einen Fußgänger nieder. Loser sieht sich fortan nicht mehr in der Lage, weiter zu unterrichten. Wenig später tötet er sogar einen Menschen – und fühlt so etwas wie eine tiefe, innere Befreiung, weil er, der bislang bloß Betrachtende, jetzt eine „eigene Geschichte“ hat.

Kurz vor dem Mord steht Loser spätabends am Fenster seiner Wohnung und blickt ins „Nachtschwarz“ hinaus. Stille dominiert, wenn es auch noch Geräusche zu vernehmen gibt, einen „traumverlorene[n] Meisenpfiff“ etwa, oder, vom benachbarten Untersberg her, „kollernde Felsbrocken, vom Nachteis gesprengt“ – Geräusche, die die Stille nicht durchbrechen, sondern, ganz im Gegenteil, deren (vorübergehende?) „Unaufhörlichkeit“, deren Vollkommenheit nachgerade sichern.

Mitten in diese knisternde, rauschend-raunende Lautlosigkeit hinein bricht mit erschreckender Plötzlichkeit das markerschütternde, lang anhaltende Schreien eines Kindes, das die ganze Umgebung binnen weniger Augenblicke zu einem einzigen „Schreiloch“ macht. Und das Schreien nimmt noch weiter zu, nimmt ungeahnte Dimensionen an:

 „Das Kind schreit jetzt jenes äußerste Erleiden heraus, welches beim Erwachsenen innerste Verstummung wird; wenn jeder Leidende derart schriee, müsste die Welt dann nicht längst aus der Bahn getrudelt sein?“
(Peter Handke: Der Chinese des Schmerzes. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1986. (= suhrkamp taschenbuch. 1339.), S. 76. Zitate oben: S. 73 f. – Zuerst: 1983])

Intensiver kann Verzweiflung, kann existenzielles Erschrecken vor der Welt und ihren Zudringlichkeiten kaum in Sprache gefasst werden. Es ist: tiefes Erkennen, Mitleiden an den Seelenstürzen, große Wortkunst. Viel mehr noch wäre zu dem Satz zu sagen. Vielleicht später einmal mehr dazu.

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