Schreiben und Vergänglichkeit

„Solange man schreibt, ist der Untergang gebannt, findet Vergänglichkeit nicht statt, und darum schreibe ich: um die Welt, die pausenlos in Nichts zerfällt, zu ertragen.“
(Günter Kunert: Warum schreiben. In: Ders.: Die Schreie der Fledermäuse. Geschichten, Gedichte, Aufsätze. München: Hanser 1979, S. 316. Zuerst 1972 erschienen)

Kann das Schreiben wirklich diese existentielle Bedeutung gewinnen? Schreiben als Überlebensgarantie? Als einzige Möglichkeit, der Leere der Welt – und seiner eigenen – zu entfliehen? Ich weiß nicht … Wahrscheinlich könnte man sie auch anders ertragen – diese „pausenlos“ zerfallende Welt. Aber wie?
Trotzdem – ein schöner Gedanke: Durch das Schreiben der Vergänglichkeit Einhalt gebieten. Wenn das wahr sein könnte! Man möchte in alle, für alle Ewigkeit schreiben! Aber vorerst will ich mich daran erfreuen, wenn es morgen wieder klappt … Übrigens: Günter Kunert vermerkt an gleicher Stelle, dass er schreibt, weil

„Schreiben nichts Endgültiges konstituiert, sondern nur Impulse gibt; weil es ein unaufhörlicher Anfang ist, ein immer neues erstes Mal, wie Beischlaf oder Schmerz“.

Weil es „nur Impulse“ gibt! „Nur“! Wie stolz ich wäre, wenn mein Schreiben irgendwann einmal dazu führen sollte, Impulse zu spenden! Die Idee, die Vorstellung Kunerts, Schreiben sei ein „unaufhörlicher Anfang“ hat etwas Reizvolles – und etwas zutiefst Erschreckendes … ‚Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne?‘ Sicher nicht jedem. Will man die Anfänge nicht rasch hinter sich lassen? ‚Endgültig‘ über sie hinausgelangen? Wo ist die Mitte, wo ist der Schluss in diesem pausenlosen Anfangsspiel? Ich werde weiter darüber nachdenken müssen, worin dieses Erschrecken gründet …

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4 Antworten zu Schreiben und Vergänglichkeit

  1. man schreibt:

    Ich für meinen Teil komme nie über Anfänge, nie über erste Sätze hinaus … ich fürchte mich vor dem Beenden, vor dem Ende … nichts schlimmer als das Ende.

    • Holger Dauer schreibt:

      Vielleicht liegt die Furcht vor dem Ende, vor dem Beenden, ja darin begründet, dass es, das Ende, sich ‚letztlich’ als Anfang einer neuen Geschichte entpuppen könnte …

      • man schreibt:

        Vielleicht … jaja … schon möglich: das wäre eine von mehreren möglichen Möglichkeiten … jedoch, es könnte auch sein, daß keine neue Geschichte anfängt: dann steht man blöd da, … oder daß dieselbe Geschichte wieder von vorne losgeht: steht man auch blöd da (ein sehr bekannter Autor hat einmal behauptet, er habe in Wirklichkeit immer nur das gleiche Buch geschrieben) … es ist wie mit der Wurst, die man vor sich her phantasiert: solange man sie vor sich baumeln sieht, rennt man weiter und weiter und weiter; erreicht man sie, verspeist man sie genüßlich – anschließend hat man aber keine Wurst mehr zum Vorsichherphantasieren. Und dann?
        Aber hoppla: mein Geschreibsel verdickt sich schon zu einem metaphorischen Gordionsknoten, … also genug.
        Jedenfalls … die von Ihnen ausgewählten und kommentierten Sätze Kunerts (den ich bisher nicht weiter kenne, was sich aber, dank Ihrer Belesenheit, bald ändern wird) … sie bewirken bei mir eine Art existenzielles Heimatgefühl … und Gedanken wie: irgendwie kommt mir das bekannt vor!

      • Holger Dauer schreibt:

        Hat zwar eher weniger mit der Problematik des Anfangs und des Endes zu tun – aber trotzdem hier noch ein weiteres Zitat von Günter Kunert, das sein Schreiben charakterisiert:
        „Es [das Schreiben] ist eine ständige Beschäftigung mit der Welt, den Umständen, mit der eigenen Person, mit Literatur, mit Lesestoffen – was sozusagen in mein Netz gerät. Ich sitze also am Schreibtisch wie eine Spinne und manchmal fängt sich in diesem Netz etwas und das puppe ich dann sprachlich ein und sauge es genüsslich aus. Und davon lebe ich sozusagen geistig.“
        (Zitiert nach der Druckfassung des Hörporträts „Günter Kunert: Der kreuzfidele Pessimystiker“ – auf den Seiten von Radio Bremen, Artikel vom September 2010. Hier der ganze Text: http://www.radiobremen.de/kultur/portraets/kunert116.html)

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