Das Schreiben und das Verschwinden des Ich

Kürzlich gelesen: Samuel Mosers schöne Besprechung in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (5. 1. 2010) von Kurt Aeblis Prosatext „Der Unvorbereitete“, erschienen im September 2009 bei Urs Engeler Editor. Die Rezension macht wirklich Lust auf das Buch. Aeblis Protagonist Gregor ist Schriftsteller, ein Müßiggänger, ein Liebeskranker, ein Skeptiker, ein Wirklichkeitsverächter, einer, dem vor einem literarischen Werk graut, „das ihm einen Platz in der Gesellschaft geben könnte“, so Moser. „Sein Schreiben“, so der Rezensent weiter, „ist ein Exerzitium des Verschwindens“. Und er zitiert aus Aeblis Text:

„Meine Verbesserung kann vielleicht darin gesehen werden, dass ich den Platz, den andere in der Welt beanspruchen, in meinem Schreiben einnehme, dass ich in der Welt immer schmaler vorkomme, mehr und mehr zurücktrete, eine gewisse Eleganz im Zurücktreten an mir ausbilde, zu der ich nicht fähig wäre ohne den Ausweg oder Umweg des Schreibens.“

Und Moser führt interpretierend aus: „Im Schreiben schließt das Ich sich ein in sich und aus von der Welt.“

Das Schreiben, so scheint es, ist für Gregor einziges Mittel zur Selbsterkenntnis. Der allerdings steht eines im Wege: das eigene Ich. So kommen sich offenbar erkennendes und zu erkennendes Ich ins Gehege – weil Subjekt und Objekt (der Erkennende und das zu Erkennende) eins sind … Das Schreiben als Mittel des Weltausschlusses, Schreiben als Teilnahmeverweigerung? So kann es sein, das Schreiben. Es kann aber auch (für mich) ein Medium der Hinwendung zur Daseinswirklichkeit sein. Der Schreibakt geschieht außerhalb der Welt, das Geschriebene bezieht sich auf sie, auch wenn es ihre entschiedene Ablehnung zum Gegenstand hat …

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Eine Antwort zu Das Schreiben und das Verschwinden des Ich

  1. Estermann Klaus schreibt:

    Ich schreibe mir den Teufel aus dem Bauch, um ein Engel zu werden. Wortfetzen nur, kleine Aphorismen, Zweizeiler, Vierzeiler, Blödwörter, Wohlfühlwörter.
    Nebenbei das kleine Hotel in der Ostschweiz. Ich koche, gärtnere, beziehe Betten, und empfange unruhige Seelen die ein bisschen Ruhe suchen.
    Heute suchte ich im Intenet den Briefkasten von Kurt Aebli, und fand stattdessen diesen Blog.
    Lieber Kurt, wenn Du mir den Namen Deines Briefkastens verrätst, erhälst Du von mir richtig schön altmodische Post. Mit handgeschriebener Adresse, und vielen alten Briefmarken darauf.
    Gruss aus der Mostschweiz von Klaus

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