Müde bin ich, schreibe (deshalb?) immerzu

Siegfried Unseld, von 1959 bis zu seinem Tod 2002 Suhrkamp-Chef, berichtet in einem ZEIT-Artikel aus dem Jahr 1990 über eine Begegnung mit Samuel Beckett im Mai 1989 in Paris. Man plaudert über Verlagsangelegenheiten, über deutschsprachige Gegenwartsliteratur, über Max Frisch und Hermann Hesse, kommt schließlich auf Peter Handke zu sprechen, den Beckett sehr schätzt und der gerade, wie Unseld berichtet, ein neues Buch veröffentlicht hat: „Versuch über die Müdigkeit“.

„Beckett entzündete sich an diesem Titel, ja, er verstehe dies gut, unerwartet Produktives könne aus Müdigkeit entstehen.“
(Siegfried Unseld: Das letzte Mal. Beckett. In: 50 Jahre Siegfried Unseld im Suhrkamp Verlag 1952 – 2002. Hrsg. v. Günter Berg, Raimund Fellinger u. Rainer Weiss. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002, S. 17 – 22, hier: S. 20. – Der Text erschien zuerst in der ZEIT vom 5. Januar 1990)

 Ach, wenn dies wahr wäre! Das literarische Werk – es entstünde aus Geist und Gestus des Gähnens und der Erschlaffung! Dann müsste es in meinem Fall gelingen! Ermattung als Vorstufe geistiger Mobilmachung, als Voraussetzung für kreativen Aufbruch und schöpferische Explosivität … Vielleicht sollte ich mich sofort an die Arbeit machen, um mich müde zu schreiben und dann auf den genialen Wurf zu warten. Aber was tue ich eigentlich anderes jeden Tag?

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2 Antworten zu Müde bin ich, schreibe (deshalb?) immerzu

  1. klaus baum schreibt:

    das problem ist nur, beim schreiben nicht einzuschlafen. :–))

  2. porteriko schreibt:

    Die Betonung liegt auf „[…] unverwartet Produktives […]“

    Wo könnte man besser sein eigenes Inneres, die Seele von mir aus, ausgiebiger betrachten, als während einer müden Phase. Da ragen die mehr oder minder geheimen Gedanken wie kleine Häuser aus dem Geist. Manchmal gelingt es, einen davon zu streifen, dann wächst er blitzartig zum Wolkenkratzer – und jedes Fenster ist beleuchtet

    Wwwwammmm

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