Das leere Blatt und die Freiheit

Die Einträge im „DauerBlog“ werden seltener. Das muss sich ändern. Das wird sich ändern. Immerhin: Der große Elias Canetti hält beruhigende Sätze bereit, die das schlechte Gewissen zu suspendieren vermögen – für einige Zeit jedenfalls:

„Tagebücher, die zu genau werden, sind das Ende der Freiheit. Man kann sie darum nur zeitweilig führen, und die ‚leeren‘ Zeiten dazwischen sind die vollen.“
(Elias Canetti: Nachträge aus Hampstead. Aufzeichnungen 1954 – 1971. München: Hanser Verlag 1994, S. 73.)

Leere Seiten, volles Leben – die Formel für Journalverweigerer? Ob der Umkehrschluss zulässig und – erstrebenswert ist?

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3 Antworten zu Das leere Blatt und die Freiheit

  1. 6kraska6 schreibt:

    Ich ziehe mir freiwillig die Banausenmütze auf und behaupte: Elias Canetti hätte besser auch ein paar mehr Seiten leer gelassen…

    • Holger Dauer schreibt:

      „Banausenmütze“ – Ich lupfe zum herzlichen Gruß meine eigene, jene, die sich mir beim Schreiben des Öfteren wie von selbst aufs Haupt setzt … nun ja, nicht (für) immer, hoffe ich …

      Canetti abzulehnen, hat mitnichten etwas mit Banausentum zu tun, vielleicht eher etwas mit Selbstverteidigung … Ich kann die Antipathien, die Aversionen gegen ihn verstehen: Canetti ist ein literarischer Taschenspieler, ein selbstgerechter Wirklichkeits-Überwucherer, einer, der dort ‚Eigentlichkeit’ vorzugaukeln versteht, wo oftmals Sinnabschottung betrieben wird, einer, der Sprachbilder zusammenrottet, um die Dinge nicht beim Namen nennen zu müssen, seine Sprache schlägt Schaum und Funken zugleich, sie weicht aus und auf, Canetti ist ein Autor, der mit dem Rücken zum Leser schreibt, dennoch (oder gerade deshalb) heischend nach Bewunderung, nach Zuweisung von Gottgleichheit, traumhaft sicher wandelnd in der Attitüde des weisen Weltenkenners, die er schon in der Jugend an den Tag gelegt hat, ein arroganter Skribentensnob, der sich die Welt nach seinem Unbestimmtheits-Ästhetizismus zurecht stutzt … Das alles macht ihn nicht sympathisch … und doch, und doch … lesenswert wie kaum einen anderen. Denn das alles macht zugleich die Faszination Canettis aus, der ich mich (augenblicklich) nicht entziehen kann … Ich will ihn, wohl gemerkt, nicht verteidigen. Bloß genießen …

      In diesem Blog habe ich einmal über Michel Leiris’ Schreiben angemerkt, dies sei die Art, „mit [der] man Leser fängt, sie für sich gewinnt, sie überzeugt, sie zu leidenschaftlichen Mitverfechtern, zu Mitverschwörern macht – oder sie hinters Licht führt“. Und weiter: „Leiris vermag beides: zu erhellen und zu blenden. Ich bin sehr gespannt darauf, durch welche Lichtinstallationen mich Leiris noch führen wird. Und in welchen Blendkammern die nächsten Einsichten und Erkenntnisse lauern …“ (Eintrag vom 7. Januar 2010)
      Ganz ähnlich geht es mir bei Canetti, der sicher weniger Pathos walten lässt, nüchterner, ‚strenger’ ist, aber seine intellektuelle und stilistische Gewitzt- und Gewandtheit in einer Weise einzusetzen vermag, die mich anspricht, ja in den Bann schlägt, wie gesagt: im Augenblick jedenfalls. Es ist bei ihm viel Sprache um der Sprache, Stil um des Stiles willen, zugegeben. Und das nicht selten auf Kosten der ‚Welthaltigkeit’, der ‚Realitätssättigung’, zumal der (zeit-, der gesellschafts-)kritischen Potenz seiner Texte, die gefangen sind im aristokratisch-subjektiven Kosmos, in genüsslicher, selbstverliebter Introspektion. Das sind womöglich die Risse in seinen makellosen Wortfassaden. Aber: Was wäre mit Makellosigkeit auch anzufangen?!

      Aber ich werde zu geschwätzig (Canetti-infiziert!), wofür ich um Nachsicht bitte, auch für die eine oder andere Ungereimtheit – und die Flasche Portugieser (trocken, Rheinhessen) ist auch schon wieder leer, was bedeutet, dass ein Weiterschreiben zum jetzigen Zeitpunkt weder inhaltlich angeraten noch stilistisch zu verantworten ist, da nur noch wirre „Entladungen“ zu erwarten sind … Aber in den nächsten Tagen gibt’s Nachschub – an Wein und an Texten …
      Beste Grüße nach Duisburg,
      Holger Dauer

  2. 6kraska6 schreibt:

    Besser hätte ich das nicht ausdrücken können, was mein Unbehagen bzgl. Canetti angeht. Vielen Dank dafür!

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