Plötzliche Seen, unbewaldet

Gerade gelesen: Reinhard Lettaus kleiner Roman „Flucht vor Gästen“ (1994). Ein merkwürdig widerspenstiges, merkwürdig berührendes Buch, zuweilen bedrückend und von sperriger Heiterkeit, ein Buch, das unzählige Fragen aufwirft und nicht der Versuchung erliegt, allzu viele davon zu beantworten. Stilistischer Höhenkamm. Große Literatur!

An einer Stelle berichtet der Protagonist von einer früheren Reise mit Freunden zu einem nahegelegenen See. Dessen Ufer seien letztlich nicht zu erreichen gewesen, da umzäunte Privatanwesen den Weg versperrten. Zu diesem Ärger gesellte sich, wie der Erzähler weiter berichtet, die Verwunderung darüber, dass „um den See herum keine Bäume“ standen – ein Umstand, der nicht nur mit Erwartungshaltungen, sondern auch mit Sprachkonventionen kollidiert, wie die ebenso kluge wie originelle und ironische Reflexion des Erzählers zeigt:

„Ist es nur in der Kindheit, dass ein See nur ein See genannt werden darf, wenn Bäume drumrumstehen? Wie könnte man sonst: plötzlich an einen See kommen? Und nach langer Wanderung kamen wir plötzlich an einen See. Einen See, den Sie schon lange gesehen hatten? Oder war es nicht doch ein Wald, der, im Interesse der Sprache, den See bis zuletzt versteckte?“
(Reinhard Lettau: Flucht vor Gästen. Roman. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 1994, S. 27 f.)

Ich stelle mir vor: Die Natur sortiert, gruppiert, organisiert sich – „im Interesse der Sprache“, rückt sie zurecht, das Objekt der Beschreibung, der Gegenstand der Schilderung passt sich der Sprache an, die ansonsten ins Leere gelaufen wäre …

Eine weitere Stelle hat es mir angetan. Hier geht es um den „Nachteil des Sprechens“ und den Vorteil des Schreibens. Letzterer liege darin, nicht unterbrochen werden zu können. In die Rede können sich enervierende Fragen oder besserwisserische Belehrungen der umstehenden Zuhörer drängen. Der Schreibende bleibe von solchen Einmischungen verschont. Der Ich-Erzähler resümiert:

„(…) man schreibt, um nicht unterbrochen zu werden. Ich will nicht unterbrochen werden, also schreibe ich.“ (ebd., S. 36)

Unter den vielen Begründungen, Rechtfertigungen, Motivationen fürs Schreiben ist diese eine der sympathischsten. Und doch muss sie der Schreibende hinnehmen, erdulden oder sich ihrer erwehren: Unterbrechungen – verursacht durch die eigene Trägheit, durch die Feigheit vor dem sich auftürmenden Text, durch die Angst vor der permanenten Konfrontation mit sich selbst, durch die Forderungen des Alltags … Es müsste doch gelingen, aus ihnen Kapital zu schlagen – aus den Unterbrechungen, den zeitweiligen Schreibkapitulationen, sie zum Gegenstand – des Schreibens zu machen, sie als notwendiges (unvermeidliches?) Atemholen zu betrachten, als fruchtbare Zeit des Sammelns, des Reflektierens – und nicht als Vorhölle des Schweigens …

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Eine Antwort zu Plötzliche Seen, unbewaldet

  1. juttareichelt schreibt:

    Ja, merkwürdig widerspenstig! Das trifft es für mich sehr gut! Und auch die beiden Zitate empfinde ich als sehr kluge Auswahl – um einen Eindruck davon zu vermitteln, worin der große Reiz einer Lettau-Lektüre liegen könnte … Schöne Grüße aus Bremen!

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