Vom Schreien und vom Verstummen

handke_chineseWieder einmal, nach längerer Pause, ins Handke-Universum eingetaucht und mich darin verloren (oder gefunden?). Wieder einmal Sätze entdeckt, die die dunklen Stellen des Daseins auszuleuchten vermögen, so dass es zuweilen, merkwürdig genug, wie eine Erleuchtung anmutet, deren man sich erfreuen darf, eine ganz kurze nur – und sicher auch keine wirkliche. Ein Beispiel:

Andreas Loser, der Ich-Erzähler aus Peter Handkes „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), Lehrer für alte Sprachen in Salzburg, stößt eines Tages – grundlos, wie es scheint, eher zufällig als wirklich gewollt – in der Innenstadt einen Fußgänger nieder. Loser sieht sich fortan nicht mehr in der Lage, weiter zu unterrichten. Wenig später tötet er sogar einen Menschen – und fühlt so etwas wie eine tiefe, innere Befreiung, weil er, der bislang bloß Betrachtende, jetzt eine „eigene Geschichte“ hat.

Kurz vor dem Mord steht Loser spätabends am Fenster seiner Wohnung und blickt ins „Nachtschwarz“ hinaus. Stille dominiert, wenn es auch noch Geräusche zu vernehmen gibt, einen „traumverlorene[n] Meisenpfiff“ etwa, oder, vom benachbarten Untersberg her, „kollernde Felsbrocken, vom Nachteis gesprengt“ – Geräusche, die die Stille nicht durchbrechen, sondern, ganz im Gegenteil, deren (vorübergehende?) „Unaufhörlichkeit“, deren Vollkommenheit nachgerade sichern.

Mitten in diese knisternde, rauschend-raunende Lautlosigkeit hinein bricht mit erschreckender Plötzlichkeit das markerschütternde, lang anhaltende Schreien eines Kindes, das die ganze Umgebung binnen weniger Augenblicke zu einem einzigen „Schreiloch“ macht. Und das Schreien nimmt noch weiter zu, nimmt ungeahnte Dimensionen an:

 „Das Kind schreit jetzt jenes äußerste Erleiden heraus, welches beim Erwachsenen innerste Verstummung wird; wenn jeder Leidende derart schriee, müsste die Welt dann nicht längst aus der Bahn getrudelt sein?“
(Peter Handke: Der Chinese des Schmerzes. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1986. (= suhrkamp taschenbuch. 1339.), S. 76. Zitate oben: S. 73 f. – Zuerst: 1983])

Intensiver kann Verzweiflung, kann existenzielles Erschrecken vor der Welt und ihren Zudringlichkeiten kaum in Sprache gefasst werden. Es ist: tiefes Erkennen, Mitleiden an den Seelenstürzen, große Wortkunst. Viel mehr noch wäre zu dem Satz zu sagen. Vielleicht später einmal mehr dazu.

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