Aufgaben der Literatur

In einer Kritik von Barbara Villiger Heilig in der „Neuen Zürcher Zeitung“ über Andrea Breths Inszenierung von John Hopkins „Diese Geschichte von Ihnen“ am Wiener Akademietheater heißt es an einer Stelle:

„Andrea Breth, die große deutsche Regisseurin, zeigt hier, was Theater – im ureigenen Sinn – kann. Und zwar: Vorgänge durchleuchten, Gewissheiten hinterfragen, Abgründe öffnen. Was wissen wir schon von anderen Menschen, was von uns selbst? Die Figuren auf der Bühne führen es vor: kaum etwas. Aber sie lassen uns teilhaben an der unwillentlichen Erforschung ihres Ichs, die statt der Lösung des Falls anderes zutage fördert.“
(aus: Neue Zürcher Zeitung online, 29. Januar 2016 – hier der ganze Artikel)

Sind hier nicht genau die Aufgaben benannt, die an die Literatur selbst zu stellen, die ihr aufzubürden sind?
– „Vorgänge durchleuchten“: Mit einem Schweinwerfer – oder wenigstens einer flackernden Kerze – ins Dunkel hineinstrahlen, damit die ineinander verhedderten Fäden wenn nicht entwirrt, so doch wenigstens sichtbar werden und selbst die merkwürdigsten, die mysteriösesten Lebensverflechtungen in einem anderen Licht erscheinen;
– „Gewissheiten hinterfragen“: Auf dass sich in uns nichts festsetze, was als Stolperfalle, was als Schlinge für neue Wahrheiten sich entpuppen könnte – Wahrheiten, die wahrscheinlich auch keine sind, wie zu fürchten – oder aufatmend zu konstatieren ist;
– „Abgründe öffnen“: Damit das Brüchige, das Poröse unseres Fundaments sich offenbart, damit wir dessen ansichtig werden, was sich unter uns, was sich in uns abspielt, damit erkennbar wird, wie tief unser Fall sein könnte und dass nichts ihn abzufedern vermag …

Barbara Villiger Heilig schließt ihre Kritik mit dem Satz: „Bei Andrea Breth wird das Komplizierte evident. Mehr verlangt niemand vom Theater.“ Von der Literatur auch nicht, möchte man ergänzen.

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