Belanglose Erinnerungsblitze

Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. 4. Aufl. München: dtv 2014Manchmal bleibt man an einem einzigen Satz hängen und kommt aus dem Grübeln nicht mehr heraus – beim Schreiben sowieso, aber auch beim Lesen eines aufregenden Textes. Ein solcher ist Patrick Modianos Roman „Im Café der verlorenen Jugend“, 2007 bei Gallimard erschienen, 2012 als deutsche Erstauflage bei Hanser.
Vier verschiedene Erzähler erinnern sich an das Paris der 1960er-Jahre, an das unstete Bohème-Leben, an ungezählte Nächte in den Künstler- und Schriftsteller-Cafés der Seine-Metropole, in denen gezecht, gestritten, endlos diskutiert wurde. Alle Ich-Stimmen kreisen in ihren jeweiligen Erzählungen um die Figur eines geheimnisvollen Mädchens namens Jacqueline, das irgendwann in der damaligen Zeit in den Künstlerkreisen aufgetaucht ist und insbesondere bei den männlichen Protagonisten für Irritationen, für Mutmaßungen und bei manchen auch für Sehnsüchte gesorgt hat.
Jacqueline, die sich selbst Louki nennt, kommt als ‚vierte Stimme‘ in einem eigenen Kapitel ebenfalls zu Wort. Dort sagt sie an einer Stelle:

„Schwarze Löcher. Und dann blitzen Einzelheiten auf in meinem Gedächtnis, Einzelheiten, so genau, dass sie belanglos sind.“
(Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. 4. Aufl. München: dtv 2014, S. 90.)

Erinnerung – In einer Nebellandschaft herumirren und auf die wenigen Momente hoffen, in denen die Schwaden, ganz kurz nur, dünner werden, in denen Konturen einer anderen Welt verschwommen sichtbar werden oder wenigstens zu erahnen sind, Umrisse, Schemen einer einstigen, einer durch und durch vergangenen Welt, die trotzdem – als erkaltete Lava, als Maske ihrer selbst oder als ein sich windendes, unablässig sich häutendes Tier – einfach nicht Abschied nehmen will, verzweifelt und trotzig auf ihrer Unsterblichkeit beharrt und dabei, spöttisch grinsend, immer wieder mit dem seidenen Abschiedstuch herüberwinkt.

Mehr ist wohl auch nicht zu erwarten. Soll man das bedauern? Oder aufatmen, sich den Angstschweiß von der Stirn wischen und dankbar sein, dass es so ist? Was macht – nach Loukis Worten – plötzlich auftauchende, klar erkennbare, exakt identifizierbare Erinnerungssegmente so nichtssagend, so banal, so bedeutungslos? Wäre hier nicht, immerhin, ein winziges Stückchen Gewissheit zu erhaschen? Die Anmutung einer ‚Wahrheit‘? Sind die Einzelheiten „belanglos“, weil sie eben Einzelheiten sind, weil sie, losgelöst vom ‚großen Ganzen‘, nichts offenbaren außer sich selbst, weil sie keine Zusammenhänge, keine Übergänge sichtbar werden lassen, weil ihr Aufblitzen bedeutet, dass alles andere um sie herum im Dunkeln bleibt? Bekommt, könnte man fragen, nicht doch der Erinnerungsberg auch etwas Licht von seinen sekundenkurz illuminierten Steinchen ab?

Wollte man dem, was die Figur Louki wirklich meint, auf den tiefsten Grund gehen, wäre der Spekulationen Ende nicht abzusehen. Genau darin aber liegt der Zauber, liegt die Faszination, liegt die Bedeutung solcher Sätze – dass sie einen schier unendlichen Prozess der Reflexion in Gang zu setzen vermögen, eine Ideen-, eine Mutmaßungslawine ins Rollen bringen, die nur eines unter sich begräbt: den Irrglauben, der Lösung ganz nahe zu sein.

Patrick Modiano: Unfall in der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 2006Auch in Patrick Modianos Roman „Unfall in der Nacht“, der wie alle anderen dieses großen Autors zur Lektüre empfohlen sei, ist von der Erinnerung, ist von „schwarzen Löchern“ die Rede. Dort sagt der Ich-Erzähler an einer Stelle:

„Das Vergessen frisst mit der Zeit ganze Abschnitte unseres Lebens auf und manchmal winzige Verbindungsstücke. (…) Wie soll man auch nur die mindeste Chronologie herstellen, wenn man diese verstümmelten Bilder vorbeiziehen sieht, die sich in der größten Verwirrung unseres Gedächtnisses überlagern oder zwischen den schwarzen Löchern manchmal langsam, dann wieder ruckartig aufeinander folgen?“
(Patrick Modiano: Unfall in der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. München u. Wien: Carl Hanser Verlag 2006, S. 75. – Das Original erschien 2003 bei Gallimard, Paris.)

Was es mit der ‚Diskreditierung‘ der „Einzelheiten“ auf sich hat, wird auch hier nicht näher ausgeführt. Vielleicht kann man sogar so etwas wie eine leichte Kehrtwende erkennen – eine ‚Aufwertung‘ der Kleinstpartikel. Immerhin können, folgt man den Ausführungen des Ich-Erzählers, einige von ihnen als jene „Verbindungsstücke“ fungieren, die für die „Chronologie“, für die Einheitlichkeit des Erinnerungserlebens sorgen. Ihre Absenz hat „verstümmelte Bilder“, hat Gedächtniskonfusion zur Folge.
Warum finden sie nicht zueinander – die einzelnen ‚Lebensblöcke‘ und ihre „Verbindungsstücke“? Waren sie überhaupt jemals wirklich miteinander verbunden – in jenem Augenblick vielleicht, als beide zugleich Gegenwart waren? Sind sie schon im nächsten Moment auseinandergedriftet, in jenem Moment nämlich, als sie von ihrem kurzlebigen gegenwärtigen Daseinszustand in den nunmehr allzeit erinnerbaren übergewechselt sind? Wird hier nicht einer Trennung nachgetrauert, die eigentlich zu begrüßen wäre, wenn sie denn stattgefunden hätte – weil sie der Illusion, es hätte einmal ein unantastbares Gefüge, eine womöglich harmonische Verbundenheit, eine selbstverständliche Zusammengehörigkeit, eine unverbrüchliche Einheit gegeben, die verdiente Absage erteilt?

Darüber wird noch lange nachzudenken sein, man müsste sich hierzu ein weiteres Leben erbetteln (von wem eigentlich?) ­– um am Ende doch vor der Erinnerung und ihren heimtückischen Manövern zu kapitulieren.

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