Das schlagartige Erblicken des Abwesenden

In Nina Jäckles beeindruckenden Roman „Zielinski“, eine bis ins Absurde, beklemmend Kafkaeske gesteigerte Geschichte einer Ich-Entgleisung, ist an einer Stelle zu lesen:

„Ein Freund nannte es das Auslassen des Gemeinten. Mit Bleistift zeichnete er ein Zimmer. Er schraffierte die Wände, er zeichnete ein Fenster, einen Teppich, eine Pflanze, einen Tisch. Nur den Platz eines Stuhls ließ er weiß. Diesen nicht gezeichneten Stuhl konnte ich deutlich erkennen.“
(Nina Jäckle: Zielinski. Roman. Tübingen: Verlag Klöpfer & Meyer 2011, S. 93.)

Nina Jäckle: Zielinski. Roman. Tübingen: Verlag Klöpfer & Meyer 2011Man gestatte mir ein paar wenige wild-spontane Bemerkungen, ein paar Assoziationstrümmer dazu: Was das Auge vermisst, wird im nächsten Augenblick durch den Kopf ergänzt – durch die Erfahrungs-, durch die Erwartungssegmente, die in ihm herumschwirren. Das (überraschend) Nicht-Vorhandene wird umso sichtbarer, je mehr es (jetzt und an dieser Stelle) erwartet wird. Diese Erwartung ist aber keine, die einem bewussten Suchen nach etwas gleichkommt, einer sofortigen, gespannten Überprüfung, ob es auch tatsächlich da ist. Die Unvollständigkeit des Tableaus, die Leerstelle, offenbart sich schlagartig, überfallartig, wird im Nu registriert, weil sich eine Erwartung ’schon immer‘ irgendwo eingenistet hat – ein Etwas gibt sich, im plötzlichen Gewahrwerden des unvollständigen Bildes, als Erwartung zu erkennen. Das Geahnte, das Erwartete muss gar nicht anwesend sein, um erkannt zu werden … Vielleicht ist ja alles, was vorhanden, was sichtbar ist, letztlich nur dazu da, um auf das Abwesende zu verweisen, das dadurch merkwürdig anwesend wird.

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